„Wir halten Sie in Evidenz“

Jobsuche 50 plus: Wer mit 50 seinen Job verliert hat es nicht leicht. Diese Erfahrung musste leider auch ich machen.

Vor einigen Jahren, ich war knapp 50, gab es in meinem Leben eine Phase, in der ich ziemlich am Boden war. Nachdem meine Mutter nach langem, schwerem Kampf an Lungenkrebs verstorben war, hatte ich das Gefühl, die Welt würde aufhören sich zu drehen und nichts mehr würde jemals wieder so sein, wie es einmal war.

Zu diesem Zeitpunkt war ich Filialleiterin in einem Textilunternehmen und da ich in meinem Job eine große Verantwortung hatte, erlaubte ich es mir nicht, lange zu Hause zu bleiben um zu trauern. Drei Monate später wurde Harnblasenkrebs bei mir diagnostiziert. Ich unterzog mich einer Operation und, ich danke Gott dafür, der Tumor wurde komplett entfernt. Danke an dieser Stelle an meinen Urologen, der bei der Untersuchung nicht locker gelassen hat, bis er schließlich auf die Ursache meiner Beschwerden gekommen war. Durch die Früherkennung war ich nach der Operation geheilt – zumindest körperlich. Denn mein psychischer Zustand war ziemlich im Keller. Ich war lange im Krankenstand um mich psychisch und physisch wieder aufzurichten. Die Firma konnte es sich jedoch, nach eigener Aussage, nicht leisten so lange auf mich zu warten. Und so kam der nächste Schicksalsschlag: mir wurde gekündigt.

Zurück in die Zukunft

Ich brauchte ein ganzes Jahr um mich von diesen Ereignissen zu erholen um wieder fit für die Arbeitswelt zu sein. Nach dieser Zeit fasste ich wieder genug neuen Lebensmut um fleißig Bewerbungen als Verkäuferin an diverse Textilfirmen zu schicken. Ich war äußerst positiv gestimmt und zuversichtlich schnell einen passenden Job zu finden. Schließlich habe ich eine abgeschlossene Berufsausbildung und viele Jahre Erfahrung im Verkauf. Auf einige meiner Bewerbungen kam keine Antwort, auf andere eine Absage mit der Begründung, die Stelle wäre schon besetzt, aber dennoch blieb ich zuversichtlich und schließlich wurde ich zu diversen Vorstellungsgesprächen eingeladen. Mein Auftreten war zielstrebig und selbstbewusst, denn ich wusste genau worauf es ankommt. „Sehr gut, vielen Dank und wir melden uns nach dem Ausselektieren der Bewerber bei Ihnen,“ waren die Worte einer netten Dame nach einem äußerst positiv verlaufenen, erstem Gespräch. Mit gutem Gefühl ging ich nach Hause und wartete freudig auf die Rückmeldung. Die kam dann auch nach ein paar Tagen. Es war eine Absage mit den Schlussworten: „Wir halten Sie in Evidenz.“

Überqualifiziert oder überteuer?

Das ganze Prozedere passierte unzählige Male und ich fragte mich allmählich: „Warum? Woran scheitert es?“ Solange, bis ich dann schließlich die Antwort gnadenlos ins Gesicht geschmettert bekam: „Aufgrund Ihres Alters und Ihrer langjährigen Erfahrungen sind Sie uns zu teuer.“ Ich war fassungslos, denn ausgerechnet die Gründe, die zu der Absage geführt hatten, hatte ich für meine großen Stärken gehalten: eine abgeschlossene Lehrausbildung und unzählige Arbeitsjahre. Doch weit gefehlt, die Realität sieht anders aus. Im Grunde fühlte ich mich nun sogar bestraft dafür, dass ich einen Beruf erlernt und diesen so viele Jahre lang ausgeübt hatte. Doch es ist ein Teufelskreislauf: die Firmen haben sehr hohe Lohnnebenkosten, sodass sie einerseits billigeres Personal einstellen – in den meisten Fällen sind das ungelernte Kräfte oder Personen mit möglichst wenigen Dienstjahren – andererseits soll der Umsatz stimmen. Dafür werden aber wiederum gelernte Fachkräfte benötigt – exakt die Leute, die in der Regel aber für Unternehmen zu teuer sind.

Zwar kann ich hier nur über die Berufsbranche Einzelhandelskauffrau sprechen, doch trotzdem stellt sich mir die Frage: Was bedeutet das für uns 50jährige? Was haben wir für Möglichkeiten? Pension? Nein, auch das geht nicht, denn für die Pension ist man noch zu jung, zum Arbeiten aber zu alt. Das macht mich nicht nur sprachlos, sondern auch wütend. Vor allem wenn ich daran denke, wie viele Menschen von dieser Aussichtslosigkeit betroffen sind. Und so werden mit jeder weiteren Absage das Selbstbewusstsein kleiner und die Ratlosigkeit größer. Die Folge davon ist, dass die Arbeitslosigkeit andauert und es immer schwerer wird einen Job zu bekommen. Kein Wunder also, dass viele Menschen resignieren, sich unnütz fühlen oder sich sogar aufgeben.

Fazit

Ich hatte am Schluss übrigens doch noch das Glück einen passenden Job zu finden in einer Firma, die mich gerne aufnahm und meine Arbeitskraft zu schätzen wusste. Ich wünsche allen, die sich in der gleichen Situation befinden wie ich damals, dass Ihr einen Job findet, der euch glücklich macht und auch euer Selbstvertrauen wieder herstellt. Gebt nicht auf, bleibt dran, bleibt stark. Ihr seid wertvoll. Denn gerade wir mit 50 plus wissen, wie der Hase läuft – und wer das nicht zu schätzen weiß, ist selber schuld.

Ich bin schon sehr gespannt auf Eure Reaktionen

Eure Anita


Pullove
r (Mango) 25,99 Euro / Rock (h&m) 29,99 Euro / Armband (Thomas Sabo) 34.- Euro / Kette ähnlich (Bijou Brigitte) 21,95 Euro

 

Danke an meine Fotografin Eva von Placevaventura für das Eröffnen neuer Perspektiven an einem sonnigen Novembertag im Hilton Vienna Plaza.

1 Kommentar

  1. Manuela Forster sagt: Antworten

    Toller Artikel ! Damit sollte man das Bundeskanzleramt tapezieren um das Thema mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. Ich würde spontan sagen es gibt in Österreich wahrscheinlich 10.000 dieser Fälle. Menschen, die gut ausgebildet sind, die mit Blick auf ihre Qualifikation alles richtig gemacht haben, und die dann in der Lebensmitte für die Wirtschaft entbehrlich werden. Also ich würde sagen da stimmt irgendwas nicht. An dieser Stelle erinnere ich mich gerne an die Worte eines renommierten Autors, der gesagt hat, wir haben in unseren Gesellschaften nur eine Krise. Sie kommt allerdings in verschiedenen inhaltlichen Verkleidungen daher. Und so glaube ich, dass diese Entwertung von menschlichem Wissen, persönlicher Erfahrung und fachlicher Qualifikation auch nur eine Spielart eines sehr viel grundlegenderen Problems ist. Es wird Zeit, dass wir zu neuen Horizonten aufbrechen und uns als „Community“ begreifen. Es gibt so viele tolle Menschen, die mit wunderbaren Fähigkeiten gesegnet sind. Mit ihnen zu arbeiten, von ihnen zu lernen, mit ihnen zu gestalten oder auch zu leben ist eine Bereicherung für uns alle.

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