Der Mensch im (Aus)Verkauf

Die Verkaufskraft von heute ist austauschbar geworden wie die Ware im Regal. Ist der Beruf Verkäufer überhaupt noch erstrebenswert? Vom Einzelhandelskaufmann zum Sales Manager: Ein Beruf im Wandel der Zeit.

In meiner Jugend habe ich den Beruf der Verkäuferin erlernt. „Einzelhandelskaufmann“ lautete damals die offizielle Berufsbezeichnung. Inzwischen nennt man diesen Berufszweig „Sales Manager“. Das klingt natürlich gleich viel besser und vor allem sehr wichtig. Aber was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt ist längst nicht mehr das, was es einmal war. Und ich spreche aus Erfahrung.

Ich habe meinen Beruf in einer Filiale der damals namhaften und exklusiven Bekleidungskette für Damenmoden, Fa. Fürnkranz, erlernt. Als Lehrling ging man durch eine strenge Schule. Wir wurden regelmäßig über verschiedenste firmeninterne Themen abgeprüft. Wir gingen zu Schulungen, wo wir über die neuesten Modetrends und Farben der Saison informiert wurden. Wir lernten von der Beschaffenheit der Stoffe, wie sie hergestellt werden und von ihren Eigenschaften beim Waschen. Wir erlernten Visual Merchandising (Gestaltung der Auslagen und Warenpräsentation) und durften den Dekorateuren bei kleineren Tätigkeiten zur Hand gehen. Unser Dekorateur war ein Künstler seines Faches. Seine Auslagen waren überwältigend und erzählten jeweils eine Geschichte. Ich habe ihn für diese Begabung immer bewundert. Es gab in jeder Filiale, damals neun an der Zahl, eine eigene Änderungsschneiderin, eine Kassakraft, eine Frau am Packtisch und eine Putzfrau, einen eigenen Kundenempfang und schließlich die Verkäuferinnen und uns Lehrlinge. Nicht zu vergessen, die Filialleitung, die einerseits streng war aber gerecht und andererseits ein Herz für uns alle hatte.

Vor allem aber lernten wir ein gutes Verkaufsgespräch zu führen. Jede Kundin wurde freundlich begrüßt und mit „Gnädige Frau“ angesprochen. Wir fragten niemals nach der Kleidergröße, denn eine gute Verkäuferin kann die Größe schätzen. Ich fand es äußerst interessant, mich mit Kunden zu unterhalten. Ich konnte im Verkaufsgespräch mit dem Wissen, das ich mir angeeignet hatte, punkten. „Bitte“ und „Danke“, Höflichkeit und Freundlichkeit waren das oberste Gebot. Und jedes Mal, wenn ich etwas verkauft habe, war das ein Erfolgserlebnis für mich. Es machte mir Spaß, Kunden zum Thema Fashion zu beraten, und so wurde dieser Beruf zu meinem Traumberuf.

Meine Erfahrungen im Verkauf: Verkaufszahlen vor Menschlichkeit?

Nun stehe ich seit 38 Jahren im Verkauf und habe mich auf Grund meiner Erfahrungen zur Filialleiterin hochgearbeitet. Leider muss ich nun mit Entsetzen feststellen, dass sich diese Berufssparte komplett verändert hat. Was ist nur aus diesem schönen, interessanten Beruf, Einzelhandelskaufmann, geworden. Es gibt inzwischen keine Kassakraft mehr (außer im Lebensmittelbereich) keine Dekorateure, keine Putzfrau. Ich spreche hier über die Textilbranche, in der ich nach wie vor tätig bin. Die Verkäuferinnen sind jetzt für alles zuständig. Ware übernehmen, sprich Paletten schlichten, Kartons schleppen, jedes einzelne Kleidungsstück aufbügeln (auf Kleiderbügel aufhängen) jedes Kleidungsstück sichern, wegräumen, (dabei genau auf Vorgaben achten), sortieren, staubsaugen und putzen und zwischendurch hundert mal zur Kassa rennen, weil in strengem Ton von einem Kunden „Kassa bitte !!!!!“ gerufen wird. Das alles natürlich mit möglichst wenig Personal, man steht entweder alleine oder maximal zu zweit auf der Verkaufsfläche. Es kommen noch unzählige Aufgaben dazu wie, Kleiderbügel schlichten oder Lagerhaltung. Was nicht immer ganz einfach ist, denn nicht jedes Lager ist groß genug um alles an Material, das benötigt wird, dort unterzubringen. Und nachdem man sich mit all diesen Aufgaben gleichzeitig völlig verausgabt hat, geht man zum Kunden und ist freundlich, lässt sich nichts anmerken, wirkt fröhlich und entspannt. Keine leichte Aufgabe, aber der Kunde kann für das alles nichts. Schwierig wird es erst mit unzufriedenen Kunden. Denn auch wenn diese ungehalten sind oder sogar beleidigend werden, muss man als Verkäuferin freundlich bleiben.

Freundlichkeit for free!

Ich habe im Laufe der Jahre schon so manche unschöne Situation erlebt und Kolleginnen, die ich weinend im Nebenraum getröstet habe. „Der Kunde ist König“ heißt es, leider gibt es Kunden, die das schamlos ausnützen. In diesem Job muss man heutzutage physisch und psychisch stark und belastbar sein.

Und zu guter Letzt komme ich noch auf das Thema Gehalt zu sprechen. Die Entlohnung für diese schwere und belastende Tätigkeit ist besonders bei jungen Menschen extrem niedrig. Da wird es mit Familiengründung schon etwas schwierig, denke ich.

Wenn ich noch mal vor der Berufswahl stehen würde käme Sales Manager für mich nicht mehr in Frage. Doch gleichzeitig möchte ich jeden dazu aufrufen, mehr Achtung für diesen fordernden Job an den Tag zu legen. Kein Mensch ist austauschbar und jeder gibt sein Bestes. Ich finde, das sollte gewürdigt werden. Denn nach knapp vier Jahrzehnten im Verkauf weiß ich aus Erfahrung, wie viel man einem Menschen mit einem einzigen Lächeln schenken kann. Und das ist etwas, was ich meinen Kunden außer neuen Kleidern noch mit auf den Weg geben kann.

Steht Ihr auch im Verkauf? Wie seht Ihr das? Eure Meinungen dazu würden mich sehr interessieren.

Eure Anita

Vielen Dank an Eva von Placevaventura für die wunderschönen Fotos und den Verleih ihres Rasens als Fotomotiv! 🙂

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